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-583- Sprühregen gegen Rücken



Sprühregen gegen Rücken. Du rutschst aus der Bar und zurück in deine Füße, auf der Suche nach dem Weg nach Hause. Du weißt, wenn du jetzt stehen bleibst, wird das Anlaufen noch schwerer, das ist wie einen Wal zu bewegen, der einmal gestrandet ist, hoffnungslos und -- wie du erfahren hast -- gefährlich. Vorhin warst du irgendwas Namenloses, jetzt bist du wie einmal umgestülpt. Was sich vorher anfühlte wie ein vager Kopfschmerz, bläht sich zu einer ausgewachsenen, geifernden Verzweiflung auf.
In der U8 reden sie Englisch, dein Kopf kann aber nicht mehr folgen. Du verläufst dich am Alex und strandest an der Tram-Station. Vielleicht explodierst du auch, so wie ein verstorbener Wal, besser niemand steht dir zu nah. Sprühregen gegen Rücken, eine Abkühlung für den Körper und wie Gischt für die aufkeimenden Nichtigkeiten, die sich in deinem Kopf drehen und sich wiederholen, weil du klammerst und nichts von dir stoßen kannst, weil das einfach nicht so einfach geht.
Am Bahnsteig stehen zwei unterm Schirm mit violetten Orchideen, sind an den Lippen verwachsen. Kapuzen wanken vorüber. Es ist ein Uhr Morgens, das ist noch eine gute Zeit, in der Bahn wird noch geredet, da schwimmt Gelächter durch die Gänge und alles ist gestochen scharf und auf Überbelichtung eingestellt, vermutlich damit wir das Draußen nicht sehen. Aber noch bist du nicht in der Bahn, du stehst noch immer am Steig und wartest und wartest und die unterm Schirm saugen sich aneinander fest. Ein andres Grüppchen lacht und vor Fieber glänzende Augen sagen: "Wir haben heute unser Fünfmonatiges!"
Du versuchst irgendwie, das alles zu einer Metapher zu spinnen, aber dafür sind die Eindrücke zu willkürlich und deine Beine schmerzen dir bis zum Hals. Endlich, die Lichter der Bahn. Drinnen bekommst du keinen Platz und lehnst dich einfach an die beweglichen Rillen, diese Wurmgürtel, die der Bahn bei den Kurven helfen und die dich noch stärker schwanken lassen. Aber das bist du ja schon gewohnt, den Wellengang. Neben dir reden sie über alte Menschen, über Menschen, die Karten spielen, über Senioren in Portugal und die deutsche Alters-Demographie. Die Gespräche stopfen sich in alle deine Körperöffnungen, die nah sind wandern direkt in deine Nase und ersticken dich. Trotzdem kannst du nicht weghören und das Verstopfen auch nicht verhindern, weil dein Kopf noch im Nebel hängt und du hoffst, du bekommst dein Gesicht heute Abend abgewaschen, ohne dass du deinem eigenen Blick im Spiegel ausweichen musst. Es ist nichts passiert, es muss nichts passieren -- auch so beginnst du schon zu knaubeln, weil du weißt, dass du dir morgen so richtig die Asche aus der Lunge schreiben musst, bevor du auch nur einen Satz wirst sagen können. Die Bahn fährt und fährt und endlich bist du zu Hause. Oder eher an der letzten Station. Platzregen. So dicht, dass du dich in die Heimat sehnst, dabei ist dein Herz schon zu sehr an diese Stadt gekettet. In der Bahn hat Berlin jemand 'gloomy' genannt. Du findest sie eher neon und blutverkrustet und ein bisschen wie ein saftiger Pfirsich mit gammeligem Kern. Aber auch nur an schlechten Tagen.
Endlich zu Hause, jetzt weint deine Hüfte schon. Im Treppenhaus riecht es schon wieder nach Tod und Hundesabber, aber du gewöhnst dich wohl an alles, denn du zuckst nicht mal mehr mit den Wimpern. Du könntest gleich ins Bett kippen, stattdessen frisst du Spaghetti im Dunkeln wie ein Tier und leuchtest mit deinen Blicken all die Dinge aus, die du gesagt und getan hast und die dir auf dem Heimweg wie ein vorwitziger Schatten vorausgeeilt sind. Warte nur, bis wir zu Hause sind, hat das andere Du gekichert und jetzt bist du hier und du solltest schlafen aber alles tut weh. Und irgendwie ist das immer noch wie Sprühregen gegen Rücken. Morgen, sagst du dir, morgen hab ich das alles wieder vergessen. Und dann gehst du ins Bett, von Kopf bis Fuß mit Spaghetti und Wasser angefüllt, man will dem Gift ja was zum Aufsaugen geben und den Nährboden befeuchten. Morgen ist Sonntag, hast du dir gesagt. Und dann hast du den Sprühregen vielleicht vergessen.

(Bild via Tumblr, sorry*)

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Julia Mayer
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