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-582- "Ich fühle es nicht."



Nach langem Ringen gab der Sommer seine Vorherrschaft auf. Statt von strahlender Sonne und seichtem Herbstwind, wurde Gautburg von Regen überflutet, bis dünner Schlamm durch den Rinnstein floss und die Wiesen unter Wasser standen. Der Silberarm trat über seine Ufer, die Unterblaubrücke musste gesperrt werden und Esther blieb nichts anderes übrig, als den Umweg über die Jasminbrücke zur Musikschule zu nehmen. Gezwungenermaßen trug sie ihre Regenjacke, aber konnte doch nicht von den Sommerkleidern lassen. Selbst wenn ihre Strumpfhose am Abend durchnässt war und sie sich schlotternd abtrocknen musste, trug sie noch immer ihre Erdbeerkleidchen, die Röcke mit den bunten Melonenstückchen darauf, Pastellarmbänder und Sommerblusen mit Peter-Pan-Kragen. Manchmal schmückte sie ihr Haar mit einem sonnengelben Haarband oder einer eidotterfarbenen Spange in Form eines Schleifchens. Hauptsache, sie trug etwas Gelbes bei sich. Hauptsache, sie konnte ein wenig vom Glücklichsein darüber einfangen, dass sie sich selbst betrachtete. Nein, nicht sich selbst, sondern nur die Spiegelung ihres Schmucks. Die Spiegelung der Glückseligkeit, die nicht vorhanden war — als würde sie sich eben jenes Gefühl einbilden können, wenn sie nicht direkt hinsah, sondern sich selbst auf ihren wöchentlichen Fotos betrachtete, oder in der Spiegelung eines blitzblank geputzten Autos.
Wenn Esther nicht in der Schule war, saß sie am Klavier. Ihre Hände berührten die Tasten und jeder Ton versuchte, das Prasseln des Regens zu übertönen. Wie schnell man die Sonne vergessen konnte, war ihr schleierhaft. Alle passten sich an, sie nahmen einfach den Wandel der Jahreszeiten hin, während Esther hinterher hinkte. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie noch immer das Brennen der Morgensonne spüren. Bereits vor dem Aufstehen kitzelte sie ihre Nase, zündete ihre Lider an und selbst mit geschlossenen Augen war die Sonne so stechend, dass sich unter Esther Lidern Tränen bildeten. Sommer, wie sehr sie ihn vermisste. Ihn und das Meer.
Der Herbst war laut und er verlangte nach Aufmerksamkeit. Ihm fehlte das Komplette, er war kein Extrem und schien das umso mehr ausgleichen zu wollen, indem er einen ständig an der Nase herumführte. Der Regen half alles andere als dabei, Esther in einen entspannten Zustand zu versetzen, vor allem nicht, da in drei Tagen der nächste Vorspielabend anstand und sie die zwei Wochen, in denen sie niemanden hatte sehen wollen und nicht zur Schule oder gar aus dem Bett aufgestanden war, wettmachen musste.
»Ich kann das nicht spielen.« Der Regen trommelte gegen die Fenster, noch während der letzte falsch gesetzte Ton am Klavier verklang. Frau Hycht blickte aus dem Fenster, die Arme unter dem voluminösen Busen verschränkt, ihr Kreuz leicht gebeugt. Als Esther die Finger von den Tasten nahm und den Fuß vom Pedal hob, sodass auch der letzte Hall der Regenstille wich, kehrte der Blick ihrer Lehrerin von weit her in den Raum zurück. Begleitet wurde ihre Aufmerksamkeit, die sich nun auf Esther richtete, von einem schwer umwobenen Seufzen.
»Du denkst, du könntest es nicht. Wir hatten das Thema doch schon.«
»Ich denke es nicht nur, ich kann es wirklich nicht. Ich kann nicht. Ich übe und übe …« Sie holte tief Luft, ihre Schultern hoben sich, als wollte sie ihre nicht vorhandenen Flügel spreizen und einfach durch die Decke stoßen, von hier wegfliegen. Wohin wüsste sie nicht, aber sie ertrug es nicht mehr, Jazz zu spielen. Ihr Herz war nicht bei der Sache. Sie war nicht bei der Sache. Alles fühlte sich falsch an. »Es bringt nichts. Ich übe mich dumm und dusslig, aber ich …« Ihr fehlten die Worte — doch Frau Hycht kannte sie gut und vollendete ihren Satz mit einer Selbstverständlichkeit, bei der Esther schummrig wurde.
»Du fühlst es nicht.«
»Ich fühle es nicht.«

[Ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Schreibprojekt: 'Sie sagen Van Gogh hat gelbe Farbe gefressen | Bild via* ]

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Julia Mayer
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