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-581- Vom Selbstbild bei Wellengang


Schreiben ist Entblößung. Leichter lässt sich die Wahrheit für mich nicht verpacken. Selbst wenn man nicht über sich schreibt - vielleicht sogar vor allem, wenn man es nicht tut -, legt man etwas Pures, etwas Tiefgeartetes von sich selbst unter das Mikroskop. Tausendfach verschärft bekommt man einen Einblick in sich selbst, der einem sonst nicht vergönnt ist. Und jedes lesende Augenpaar hat dieselbe Chance, einen langen und harten Blick in einen zu werfen.
Diese Chance zu geben tut weh und manchmal sträubt sich alles in mir dagegen. Ich will so vieles und noch viel mehr will ich nicht. Ich will nahbar sein, aber nicht durchschaubar. Ich will ehrlich sein, aber nicht dreist. Ich will verstanden werden, aber nicht ein Teil der Instrumentalisierung sein. Ich will letzten Endes ich selbst sein. Aber gerade wenn ich geschrieben habe, bin ich mir oft nicht mehr sicher, wer ich bin, was mich ausmacht und gegen wen ich diesmal ströme. Gegen alle anderen?Oder doch nur gegen mich selbst?
Diese Entblößung, diese Wahrheiten, sind in ein äußerliches Schweigen gehüllt. Alles, was ich nicht sagen kann oder gar nicht sagen will, drängt sich auf dem Papier zusammen. Ein Wort nach dem anderen und sie alle tun ein bisschen weh, sie alle sind so bitter und doch süß. In Zeiten wie diesen fühlt es sich oft an, als hätten wir nur noch die Worte, als gäbe es nichts anderes mehr, das noch wirklich uns gehört. Unter diesem Schirm will ich stehen, mir ein Heim aus jenen Worten bauen, die so weh tun, aber die noch mehr schmerzen würden, wenn ich sie gar nicht erst schriebe. Nur manchmal sehe ich mich dazu gezwungen, mich zu distanzieren, zu sagen: das bin nicht ich, um nicht gänzlich mit dem zu verschmelzen, um nicht gänzlich angreifbar zu werden. Also: das bin nicht ich. Das ist meins, so viel ist klar, aber das bin nicht ich.

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Julia Mayer
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